BODEN

Boden ist viel mehr als unser sicherer Grund. Mit seiner Flora und Fauna ist er Heimat für Billionen. In einer Handvoll Boden finden sich mehr Lebewesen als Menschen auf der Erde. Das Ökosystem besteht aus kleinen Räubern, Beutetieren und Zersetzern wie Bakterien, Einzellern, Pilzen, Algen, Regenwürmern und Tausendfüßern. Wachsen und vergehen, fressen und gefressen werden: Hier schließt sich der Kreis des Lebens. Neben den Weltmeeren und Wäldern ist der Boden zudem ein wichtiger Wasser- und Kohlenstoffspeicher.

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Mittels Technologie und Wissenschaft haben wir Bodenbewirtschaftung revolutioniert, leistungsstarke Düngemittel entwickelt und Erträge gesteigert. Doch intensive Landwirtschaft setzt der Haut unserer Erde ebenso zu wie Brandrodung, Erosion, Dürre und Versiegelung. Viele Böden zeigen heute regelrechte Burnout-Symptome. Die Folge: Es gibt weltweit immer weniger fruchtbare Böden. Doch sauberes Wasser und gesunde Lebensmittel sind nur mit intakten Böden zu haben.

Von Perma- oder Hydrokultur über biodynamische Landwirtschaft bis zu den Möglichkeiten der Biotechnologie wie innovative Filter- oder Substratlösungen: Es gibt viele gute Gründe, sich mit dem Thema Boden neu auseinanderzusetzen. Die Fragen sind ganz existenziell: Wie steht es um die Grundlage unseres Lebens? Worauf bauen wir unsere Zukunft?

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Zum Thema Boden wurde im Oktober 2019 ein Workshop auf dem St. Jacobi Friedhof in Berlin durchgeführt, der in Zusammenarbeit Dr. Thomas Nehls, Stefan Schwabe und Jannis Hülsen konzipiert wurde.

Folgendes Video zeigt Ergebnisse des Workshops BODENLEBEN und gibt einen Einblick in die Erfahrungs- und Gedankenwelt der Workshop-Teilnehmer*innen.

Ergebnisse der Workshop-Teilnehmer*innen

Innerhalb der Workshops wurden die Teilnehmer*innen angeleitet, kurze Geschichten und Objekte zu entwickeln, um neue Informationen, Denkanstöße und Ideen zu bündeln. Durch den Austausch und die Diskussion in Kleingruppen, konnten damit individuelle Haltungen und Überzeugungen reflektiert und erweitert werden.

"Ist Biotechnologie immer nachhaltig?"

"Ich habe heute eine noch intensivere Verbindung zum Boden aufgebaut. Eine Existenz ohne Boden gibt es für mich nicht und ist auch nicht vorstellbar. Meine Erinnerung an den Boden befindet sich in meinem Herzen."

"Der Boden hat schon so viele Erfahrungen gesammelt, dass er bestimmt weiß: „Okay, die Menschheit stirbt auch wieder in ein paar Jahren aus. Dann ist die nächste Eiszeit und dann bin ich wieder komplett reanimiert worden."

"Ich finde, dass der Boden eine Stimme bekommen sollte. Mir ist aufgefallen, dass man ihn immer als etwas Passives behandelt."

"Auch wenn wir uns als eigenständige Lebewesen oder geschlossenes System verstehen, kann ich mir vorstellen, dass wir das nicht sind. Wir nehmen Stoffe auf und geben sie ab, wie alle anderen Lebewesen um uns herum. Alles beeinflusst sich gegenseitig."

"Natürlicher Boden ist ja eigentlich schon perfekt. Es gibt natürlich verschiedene, aber jeder ist auf seine Art an seine Umgebung angepasst und besitzt Eigenschaften, die einfach Sinn ergeben. Mir dann einen Boden der Zukunft vorzustellen ist sehr befremdlich, weil ich ja schon den perfekten Boden im Kopf habe."

"Boden darf wie Luft und Wasser kein Eigentum sein. Genauso sollte der Zugang zu Wissen nicht beschränkt werden. "Bodenlose" Landwirtschaft sehe ich skeptisch, da sie hochspezialisiert ist und die Gefahr, dass der Umgang mit ihr einer Wissenselite vorbehalten sein wird. Wie kommt man auf die Idee, dass man Erde oder Boden besitzen kann?"

Das Dreieck stellt unser Diskursfeld dar. Es zeigt ausschnittsweise, worüber wir in den Workshops mit den Teilnehmer*innen gesprochen haben und welche Gedanken das Thema Boden bei ihnen ausgelöst hat.

Was der Mensch mit Boden machen kann

Boden der Tatsachen

Die „unterste Fläche von etwas”, eine „Grundlage”, ein „Gebiet” – wir kennen viele Bedeutungsdimensionen dessen, was wir Boden nennen. Die geläufigste von ihnen – wir sprechen dann umgangssprachlich von „Erde” oder „Erdreich” – meint die oberste, meist belebte Schicht der Erdkruste. Als Lebensraum zahlreicher Mikroorganismen und Umwandlungsprodukt mineralischer und organischer Substanzen ist Boden oder sein geologischer Fachbegriff, die Pedosphäre, von großem wissenschaftlichen Interesse diverser Forschungsbereiche. In ihren Eigenschaften, Spuren natürlichen und menschlichen Lebens zu archivieren, lassen sich Böden als kultur- und naturgeschichtliche Urkunden betrachten – die archäologischen Erkenntnisse über die Entwicklung unserer Spezies wären ohne sie nicht denkbar.

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Boden als Lebensraum

Denken wir an das Leben auf der Erde, fallen uns sofort die tierischen und pflanzlichen Bewohner*innen auf dem Land, im Wasser und in der Luft ein. Die beeindruckende Vielfalt an Lebewesen unter unseren Füßen vergessen wir dabei meist. Zu Unrecht! Denn auf einem Quadratmeter Boden lassen sich mit rund 2.000 Arten und 100.000 Individuen derart viele Lebewesen finden, dass Forscher*innen die dortige Biodiversität mit der in Regenwäldern oder Korallenriffs vergleichen.

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Der Boden und das Klima

Damit Pflanzen die Nährstoffe im Boden aufnehmen können, müssen diese durch Mikroorganismen freigesetzt werden – dieser Prozess heißt Mineralisierung. Dabei entstehen im Boden mineralische Endprodukte wie Kohlenstoffdioxid, Stickstoff, Phosphat und Wasser, die wiederum für pflanzliches Wachstum genutzt werden. Bereits seit Jahrtausenden greifen Menschen in den natürlichen Prozess der Nährstoffbildung ein, um die Fruchtbarkeit der Böden und ihr Nährstoffangebot für Nutzpflanzen zu verbessern und verwenden dafür Düngemittel wie etwa Tierfäkalien, Gesteinsmehle oder organische Abfälle.

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Bodenloser Verlust

Böden werden seit jeher für menschliche Zwecke genutzt. Mit dem weltweiten Bevölkerungswachstum und den damit verbundenen Anforderungen an Landwirtschaft, Infrastruktur und Wohnraum wird Boden zu einem knappen Gut, um das die unterschiedlichsten Interessen konkurrieren – und welches zunehmend bedroht ist. Der – zumeist irreversible – Verlust von Böden (Degradation) hat verschiedene Ursachen, die zu einem großen Maße in deren Nutzung durch den Menschen begründet liegen. Intensive Überweidung beschleunigt die Degradation von Böden, genauso wie Entwaldung, die Umwandlung von Grünland in Ackerland, der Abbau von Rohstoffen, die Verschmutzung durch Mikroplastik sowie der Straßen- und Siedlungsbau.

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Boden vs. Plastik

Boden und Plastik – bei dieser Verbindung denken wir vor allem an die zunehmende, unheilvolle Verschmutzung der Erdoberfläche durch Plastikmüll. Mehr als 300 Millionen Tonnen Kunststoff werden jährlich weltweit produziert. Im Jahr 2016 verursachten die Einwohner*innen Deutschlands rund 38 Kilogramm Plastikverpackungsabfälle pro Kopf und lagen damit im europäischen Vergleich auf dem dritten Platz. Auch bei der landwirtschaftlichen Bodennutzung wird viel Plastik verbraucht, unter anderem für sogenannte Mulchfilme, die die Böden vor Schädlingen und Kälte schützen sollen – und die nach einmaliger Verwendung entsorgt werden. Böden waren bis dato also eher die Leidtragenden als die Nutznießer unseres extremen Plastikverbrauchs.

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Ein Grund für Neues

Wie können wir den wachsenden Herausforderungen begegnen, die sich durch die Erosion und Degradation des Bodens, durch seine Versalzung, Verdichtung und zunehmende Nährstoffarmut für die Menschheit ergeben? Die Erprobung von Techniken und Verfahren, die nicht nur die Qualität unseres Erdbodens ökologisch nachhaltig verbessern, sondern die zuweilen auch ganz ohne Boden auskommen könnten, ist bereits in vollem Gange: Konzepte wie das der Hydroponik versprechen etwa, Nutz- und Arzneipflanzen sowie Kraftfutter ganz ohne Bodensubstrat in künstlichen Nährlösungen aufzuziehen.

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